Kuratorisches Statement

Ars Electronica in Berlin 2017

Ein Kooperationsprojekt des DRIVE. Volkswagen Group Forums und der Ars Electronica Linz.

Der Automobilkonzern Volkswagen und die Ars Electronica Linz arbeiten bereits zum sechsten Mal an einer gemeinsamen Sommerausstellung und einem entsprechenden Rahmenprogramm für das DRIVE Volkswagen Group Forum in Berlin. Im Mittelpunkt von Fragestellungen rund um Kunst, Technologie und Gesellschaft steht wie immer der Mensch. Insbesondere werden heuer neue Formen von Begegnungen, Beziehungen und die damit verbundenen Herausforderungen diskutiert.

Denn, die Menschheit hat sich rasant entwickelt und dabei eine Lebenswelt erschaffen, die es in ihrer Komplexität, Dynamik und Dimension zu erfassen und zu verstehen gilt. Auch wenn die gegenwärtigen globalen Herausforderungen auf den historischen Entwicklungen des Konzepts Industrialisierung basieren, können wir nur mutmaßen, wohin wir uns gerade entwickeln. Es scheint, dass die gesellschaftliche Entwicklung und Transformation dem technologischen Fortschritt (von der Automatisation über die Digitalen Revolution hin zu selbstlernenden Systemen) nachhinkt. Das traditionelle Prinzip der Industrie jedoch, gepaart mit der explosionsartig steigenden Weltpopulation, stößt ob seiner selbst entfachten Dynamik mittlerweile an seine eigenen Grenzen. Mit den daraus resultierenden Konsequenzen sind wir tagtäglich konfrontiert: rasende Urbanisierung und Konzentration menschlichen Zusammenlebens, politische Konflikte und kulturelle Herausforderungen, Problematik von Versorgung und Verteilung, als auch die Komplexität der Energieproblematik, des Klimawandels und der Umgang mit unserer Umwelt im Allgemeinen.

Die damit verbundene offensichtliche Erosion des Menschseins, der Menschlichkeit, dem Verantwortungsbewusstsein anderen gegenüber und der Öffnung hin zu neuen Formen menschlichen Zusammenlebens bekommt in Zeiten ökonomischer Wertvorstellungen nur wenig Aufmerksamkeit. Wir berufen uns daher auf jenen philosophischen Diskurs, der sich seit dem Beginn des technischen Fortschrittes permanent nach der Rolle des Menschen ausrichtet, diesen radikal im Mittelpunkt behält und den Umgang untereinander, mit uns selbst, aber auch mit der Natur und der von uns geschaffenen, technischen, zweiten Natur kritisch hinterfragen und balancieren soll. Es geht um eine neue Kultur der Begegnung, die als lösungsorientierter Vorschlag dem Dilemma unserer sich entfremdenden Gegenwart entgegen wirken könnte und mittels künstlerischer Arbeiten zur Diskussion gestellt wird.

Die Ausstellung und die begleitenden Aktionen, Workshops, Performances und Diskussionsrunden behandeln das Thema der Begegnungen, die unser Bewusstsein im Handeln als Individuum schärfen bzw. öffnen sollen und „neues Handeln“, eine neue Ethik im ökonomischen Austausch mit ökologischer Nachhaltigkeit ermöglichen.  Eine Kultur der Begegnungen,  die ermöglicht, dass sich tradierte Paare neu ausrichten und sich zu neuen Formen des Zusammenseins, des Zusammenlebens und Kooperierens treffen.

„Es hatte sich herausgestellt, dass der menschliche Wissensdurst nur gestillt werden kann, wenn er, statt einfach zuzusehen, zugreift und es mit Dingen versucht, die das Werk seiner Hände sind.“ (Hannah Arendt in „Vita activa oder Vom tätigen Leben“)

In unserem Ausstellungsprojekt und den begleitenden Aktionen rücken wir KünstlerInnen und ihre Projekte in den Mittelpunkt, die erkennen, dass Handeln, und vor allem ein gemeinsames Handeln, eine Chance ist, die Entfremdung von unserer Welt zu überwinden. Es sind jene, die den Mut aufbringen, Dinge nicht nur anders zu sehen, sondern auch zu tun. Die vorgestellten Projekte repräsentieren allesamt eine Haltung, aus denen Potentiale zu gesellschaftlicher als wirtschaftlicher Innovation extrahierbar sind. Es ist Ziel, ein Habitat entstehen zu lassen,  in welchem hoffnungsvolle, visionäre, kritische und selbstkritische Begegnungen zwischen Menschen ermöglicht und provoziert werden sollen. Der Ausstellungsort selbst, der in seiner ursprünglichen Widmung bereits ein Ort der Begegnung ist, wird dies in seiner gestalterischen Ausrichtung forcieren und das DRIVE Volkswagen Group Forum für die BesucherInnen zu einem Parcours der Begegnungen mit sich selbst und mit anderen zu Fragen zu unserer ersten und zweiten Natur machen.  In Zusammenarbeit mit den Produktdesignern MARCH GUT entwickelten die Kommunikationsdesigner von MOOI Design ein Ausstellungs- und Kommunikationskonzept, das als Raum zwischen Kunst und ihren Betrachtern ein erweitertes Display zur Entfaltung der Potentiale von Begegnung, Kommunikation und Interaktion entstehen lässt. Als Metapher dafür  wurde das Sechseck gewählt: das Hexagon, als eines der stabilsten geometrischen Formen in der Natur. Ob Bienenwabe oder ob man sich die sechs Arme einer Schneeflocke in Erinnerung ruft: das Sechseck fungiert vor allem als Übermittler von Informationen, von Beziehungen und Verhältnissen und präsentiert als zentrales Formelement der Ausstellung  die komplexen Zusammenhänge, die Begegnungen, Beziehungen und ein gemeinsames aktives Handeln erst möglich machen.

Ars Electronica Linz

Kunst, Technologie, Gesellschaft. Seit 1979 sucht die Ars Electronica nach Verbindungen und Überschneidungen, nach Ursachen und Auswirkungen. Innovativ, radikal, exzentrisch im besten Sinn sind die Ideen, die hier verarbeitet werden. Sie beeinflussen unseren Alltag, unsere Leben, jeden Tag. Das Ars Electronica Festival als Testumgebung, der Prix Ars Electronica als Wettbewerb für die besten Köpfe, das Ars Electronica Center als ein Museum der Zukunft und das Ars Electronica Futurelab gemeinsam mit Ars Electronica Solutions als Forschungs- und Entwicklungszellen strecken ihre Fühler aus, in Richtung Wissenschaft und Forschung, Kunst und Technologie. All diese Bereiche der Ars Electronica inspirieren einander und stellen in einem einzigartigen Kreativkreislauf Visionen auf die Probe. Ein verschränkter Organismus, der sich ständig neu erfindet.

Die KuratorInnen der Ausstellung: Manuela Naveau, Martin Honzik